# 10

Fiona musste wieder an ihre Großmutter denken. In den Märchen, die sie ihr so oft erzählt hat, klang es immer so einfach. Ein junger Mann oder eine junge Frau werden vor eine Herausforderung gestellt. Zuerst glauben sie, sie können sie nicht bewältigen, aber dann bekommen sie völlig unerwartet Unterstützung, stellen sich ihrer Aufgabe und gehen als Held oder

Heldin hervor. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Ende.

Ihr Leben ist bisher leider nicht immer so märchenhaft verlaufen. Kein Geld, keine Unterstützung, keine Entscheidungsfreiheit. Zerbrochene Freundschaften, Streit, unglückliche Beziehungen. Fehlentscheidungen und Konsequenzen. Sie könnte die Bilanz noch eine Weile fortsetzen.

Mit ihrem Umzug hier an die Küste hatte sie auf einen Neuanfang gehofft. Sie hatte sich fest vorgenommen, nicht mehr einfach alles irgendwann hinzuwerfen und zu gehen, wenn es schwierig werden würde. Sie wollte ihr Märchen finden, indem sie als Heldin mit ihrem Prinz gemeinsam in eine glückliche Zukunft blickt. Ihre eigene Version von „…und wenn sie nicht gestorben sind…“.

Doch dann ist Lennon gegangen. Einfach so.

2 Gedanken zu „# 10“

  1. Fiona will ihr Märchen finden. Es ist ihr ganz nahe. Ich wünsche ihr offene Sinne. Auch den Glauben und die Hoffnung, dass Heldinnen gleich jenen aus Grossmutters Märchen unerwartet Unterstützung erhalten um ihr Ziel zu erreichen.
    Märchen der Welt wurden und werden Erwachsenen erzählt. Kinder hörten immer zu. In Marrakesch auf dem Roten Platz sah ich vor Jahren Märchenerzähler, die mitten im Markttreiben Erwachsenen und Kindern erzählten – ich verstand nichts, aber ich beobachtete die Zuhörenden. Wenn die Erwachsenen lachten, lachten auch die Kinder. Manchmal schlossen Erwachsene die Augen, hielten sich die Ohren zu. Kinder ahmten sie nach. Ich las später marokkanische Märchen. Eindeutig Geschichten Erwachsener für Erwachsene. Leben, Tod, Liebe, Hass, Gemeinheit, Lüge, Ausdauer, Klugheit, Dummheit, Angst und Schrecken . . . kommen darin vor. Und selbstverständlich – wie fast auf der ganzen Welt – nach dem Lebenskampf das gute Ende. Oft sind es die Kleinen, die König werden.

    Noch lebt das Kind in Fiona. Noch steckt in ihr das tiefe Wissen, dass jeder Mensch als Königskind zur Welt kommt mit der Aufgabe den Königsweg zu beschreiten. Blicke ich auf mein Leben zurück, entdecke ich, wie oft ich diesen Weg verliess und einen auf den ersten Blick gangbareren Weg einschlug, Hilfe von unvermuteter Seite verschmähte, mich scheinbar Mächtigen anschloss, hochmütig reagierte und handelte, zu stolz oder zu faul war Kärrnerarbeit zu leisten, meine Ungeduld nicht zähmte, mich undankbar zeigte, Glaube, Hoffnung, Liebe nicht mehr traute – und deshalb wieder auf oder hinter Feld eins beginnen musste. Wer oder was Unterstützung bot, musste ich – oft mit Hilfe anderer – lernen.

    Seit Jahren erzähle ich Erwachsenen Volksmärchen der Welt. Die Geschichten „lernend“ entdecke ich mich selbst – da ist nicht bloss das gute Ende mit Finderglück, Festlichkeit, Liebe. Da gibt es auch, was Fiona im Moment belastet. Schiefgelaufenes, Gemeines, Böses; zerschlagene Hoffnungen, vergebliche Anstrengungen, Gemeinheit, verkannt werden, Ungerechtigkeit.
    Grossartig sind manche russischen Märchen; königliche Kinder, Frauen und Männer, legen darin unendlich lange Wege zurück bis die Gnade des guten Endes sie trifft. Der Märchenschluss ist meist kurz – alles löst sich auf. Königssohn und Königstochter finden sich. Das Leben geht weiter. Das nächste Märchen beginnt!

    So viel zu Fionas verständlichem Wunsch, das eigene Märchen zu finden. Neugierig bin ich auf den Verlauf der Geschichte. Im Moment fühlt Fiona sich ja trotz äusserlicher Geborgenheit in ihrer Wohnung allein, ohne Weg im dunklen Wald. Ich wünsche ihr Mut, Ausdauer und immer wieder Hoffnungsschimmer.
    Agnes

  2. Liebe Agnes,
    vielen vielen Dank für Ihre Unterstützung.
    Und danke, dass Sie mich wieder an die Russischen Märchen erinnert haben…
    Herzliche Grüße, Gabi

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