# 5

Kyra erwachte mit heftig pochendem Herzen. Etwas hatte sie soeben höchst unsanft aus dem Tiefschlaf gerissen. Sie setzte sich im Bett auf und starrte entsetzt auf das weit geöffnete Fenster. Als sie schlafen gegangen war, war es fest verschlossen gewesen, immerhin war Dezember und es hatte Frost seit Tagen. Doch nun stand das Fenster sperrangelweit offen, die Vorhänge blähten sich, die Fensterläden schlugen im Wind gegen die Hauswand. Kyra sprang aus dem Bett und eilte zum Fenster. Der Vollmond war hinter Wolkenfetzen zu sehen. Kyra war froh, dass sie im vierten Stock wohnte, die Gefahr, dass das von Einbrechern stammen könnte, war damit relativ unwahrscheinlich. Sie befestigte die Läden an der Hauswand, das war bei diesem unfassbaren Wind sicherer. Sie musste sich sehr bemühen, immer wieder riss ihr der Sturm die Holzläden aus der Hand. Endlich waren sie in ihrer Befestigung angebracht. Kyra fror, der Sturm zerrte an ihren Haaren. Sie wollte das Fenster zudrücken, als ihr Blick auf die Straße fiel. Dort unten stand jemand und starrte zu ihr hoch. Der Vollmond blinzelte durch die Wolken und Kyra blickte in das Gesicht eines Mannes. Er hob grüßend die Hand, so kam es ihr vor. Er schien ihr zu winken. Kyra gefror das Blut in den Adern. Dort unten stand der Mann, von dem sie dachte, dass er seit Jahren tot war. Da unten stand der Mann, dessen Leben sie auf dem Gewissen hatte. Und er hob grüßend und winkend den Arm. In diesem Moment jagten Wolkenfetzen über den Mond und tiefe Dunkelheit fiel auf die Straße. Kyra knallte das Fenster zu und blickte mit pochendem Herzen auf die Straße. Als die Wolkenfetzen den Mond wieder freigaben, war weit und breit niemand mehr auf der Straße zu sehen. Kyras Herz raste. Trotz der eisigen Kälte im Raum war ihr heiß. Angst flutete in ihr hoch. Sie zog die Vorhänge vor und drehte sich um, um erneut ins Bett zu gehen. In diesem Moment hörte sie, wie die Wohnungstür ins Schloss klappte.

2 Gedanken zu „# 5“

  1. Liebe Christine,
    als ich heute abend nach einem langen anstrengenden Arbeitstag im Altersheim zurück in die Stille meiner Wohnung im dritten Stockwerk eines Jugendstilhauses mit hohen Zimmern zurückkehrte, stellte ich mich erst mal auf den Balkon – Schnee fiel letzte Nacht – es war wunderbar, auf die weissen Äste und Zweige der alten Linde zu blicken und durchatmend lichte Momente des vergangenen Tages Revue passieren zu lassen. Ich kehrte zurück an die Wärme, startete den Mac und freute ich mich auf Geschichte 5.
    Erwartet habe ich das Kind aus Kapitel drei. . Würde es ein Junge sein? Ein Mädchen? Gesund oder krank? Würde es besondere Merkmale aufweisen? Wie würden seine ersten Tage und Wochen auf dieser Erde aussehen, sich anfühlen, mich bewegen?
    Inzwischen ist mir klar geworden, dass Sie und Gabi nicht, wie ich anfangs angenommen hatte, gemeinsam einen Roman schreiben; Ich habe mich rasch umgestellt; als Leserin erwartete ich jetzt zwei unterschiedliche Parallelgeschichten. Kein Problem – ich lese meist mehrere Bücher nebeneinander.
    Eben las ich jetzt aber die fünfte Geschichte. Etwas Neues. Eine Frau namens Kyra – Herrin – erscheint; was sie erlebt, ist ungemütlich. Sie hat Angst, denke ich. Sie scheint sich verantworten zu müssen wie Gabis Protagonistin im vierten Text.
    Na ja. Ich fühle mich im Moment auf Feld A zurückgesetzt und bin äusserst neugierig auf die Fortsetzungen eurer Manuskripte. Ich hoffe sehr, dass ich bald etwas höre über das Kind, dessen Vater auf so mutige Weise Frauenarbeit leistet: Wasser kocht, Tee zubereitet, räuchert . . . nicht flieht.
    Danke für Text 5 – Ich freue mich jetzt auf die Fortsetzung von Text 3 und fünf. Ich bin natürlich auch interessiert, wer in Text fünf ins Haus eingedrungen ist.
    Agnes

  2. Liebe Agnes,
    ja, zurück auf Feld A. Wir sind selbst gespannt. Gabi und ich sprechen uns in keiner Weise ab, was das Wachsen der Geschichte betrifft. Wir halten es für möglich, dass sich die vielen Fäden, die wir gerade auslegen, irgendwann und irgendwo zu einem schönen Muster fügen. Bis dahin werden wir den Irrungen und Wirrungen folgen, kreuz und quer durch Phantasien jagen und wir sind selbst gespannt, wie sich die Figuren machen werden. Ist ja deren Geschichte, nicht unsere :-))))
    Herzensgruß
    Christine

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