# 4

Völlig verfroren und durchgeblasen vom rauen Wind der See kam Fiona in ihrer kleinen Wohnung an. Frustriert registrierte sie, dass die Heizung schon wieder ausgefallen war, schon das dritte Mal in diesem Monat. Sie war es leid, ständig beim Vermieter anrufen zu müssen. Warum kann nicht einmal etwas einfach nur funktionieren? Hatte sie nicht schon genug, um das sie sich zu kümmern hatte? Mit einem tiefen Seufzer überbrühte sie sich eine Tasse Tee und lies sich eingehüllt in eine flauschige Decke auf die Couch fallen. Noch bis vor kurzem hat sie die Abende hier zusammen mit Lennon verbracht, aber seit er weg ist, war niemand mehr zu Besuch bei ihr zuhause gewesen. Fiona musste aufpassen, nicht schon wieder in Selbstmitleid zu fallen, sie hatte sich fest vorgenommen, dass sie die Zeiten des Trauerns hinter sich lassen wollte. Das hatte ihr bisher sowieso noch nie geholfen. Berieselt von einer langweiligen Talkshow im Fernsehen und nach einer weiteren Tasse Tee schlief sie erschöpft auf der Couch ein. Draußen nahm der Wind zu und der Verkehrslärm der vorbeifahrenden Autos wurden immer weniger.

Ein lautes Geräusch liess sie hochschrecken. Sie war sich nicht sicher woher es kam. Der Wind tobte laut durch die Strasse. Kam es wirklich von draußen, oder gehörte es zu diesen absolut real scheinenden Erinnerungen aus ihren Träumen? Angespannt lauschte sie minutenlang in die Dunkelheit. Doch außer ihren eigenen Gedanken, die gegen den Sturm zu schreien schienen, war nichts weiter zu hören. „Du musst die Verantwortung übernehmen.“ Lennons Worte hämmerten immer wieder gegen ihren Kopf.

2 Gedanken zu „# 4“

  1. Liebe Gabi,

    die alte Buchhandlung gefällt mir – in Erfurt stand ich einmal in einem Geschäft, das dem von Ihnen beschriebenen ähnelte. Eine Buchhandlung? Ein Antiquariat? Ich war allein dort, stöberte, wartete auf den Inhaber. Die Inhaberin erschien, eine alte Frau. Stumm nickten wir uns zu. Ich schaute weiter alte verstaubte Bücher an. Blätterte. Las. Frakturschrift. Vergilbte Seiten. Die Frau fragte nichts. Ich erklärte schüchtern, dass ich nur ein wenig schmökern möchte. „Sie sind nicht von hier“, stellte die alte Frau fest. „Ich komme aus der Schweiz“. Ungläubiger Blick. Wortlos verschwand sie im Hintergrund. Ich stöberte weiter. Bücher kaufte ich nicht, nur ein paar alte Postkarten.

    Mir gefällt Ihre Fiona. Eine junge Frau von heute. Allein oder wieder allein? Jedenfalls eben einem Herbststurm entronnen. Allein wahrscheinlich.
    Mir gefällt der Satz vom „Verantwortung übernehmen“. Ich habe seit der Kindheit viel Verantwortung aufgebürdet bekommen und oft Verantwortung übernommen. Ich tat mich nicht immer leicht damit. Rückblickend: Ich bin dankbar, nicht ausgewichen zu sein. Durchs Übernehmen von Verantwortung wachsen einem Kräfte zu. Ich wünsche Fiona, dass sie bald den Mut hat, dem Ruf zu folgen.
    Ich freue mich auf die Fortsetzung!
    Agnes

  2. Liebe Agnes,
    vielen Dank. Ich bin mir nicht sicher, ob Fiona den Mut aufbringen wird, Verantwortung zu tragen, jetzt, wo sie keine Unterstützung mehr hat.
    Herzliche Grüße in die verschneite Schweiz,
    Gabi

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