# 7

Der Mann in der Hütte blickte sorgenvoll auf seine Frau. Der Wind heulte und pfiff um die Hütte, er machte sich Sorgen, ob die Schindeln, die er im Herbst frisch befestigt hatte, diesem Toben der Natur standhalten würde. Sie lächelte ihn an und sagte: „Warum sorgst du dich? Du weißt, dass uns nichts geschieht. Warum vertraust du unserem Volk nicht?“ Er blickte in ihre klaren blauen Augen und wusste, dass sie recht hatte. Das kleine Volk würde sie immer beschützen. Er hatte sogar das Gefühl, dass sie nicht mehr allein in der Hütte waren. Es kam ihm so vor, als hätte sich der Sturm gelegt. Er entzündete das Räucherbündel. Ein sehr kräftiger, würziger Geruch stieg auf und mit einem Mal sah er auch, dass sie Besuch hatten. Die weisen Frauen aus der Familie des kleinen Volkes standen um das Bett herum und hantierten. Er wusste, dass er sich keine Gedanken um die Hebamme machen mussten. Und schon kamen die Kommandos: „Jetzt kannst du das Wasser aufheizen!“ „Hol die Kindersachen herbei!“ „Leg einen heißen Stein in die Wiege, damit die Kleine es schön warm hat!“ „Die Kleine?“ „Frag nicht so viel, natürlich wirst du eine herrliche Tochter bekommen! Eil dich!“

Er trat an die Herdstelle und entzündete das Feuer – er konnte es wagen, der Wind war vollkommen still. Das Kräuterbündel hatte ihm eine der Alten aus der Hand genommen und ging damit um das Bett herum, während sie sang. Die anderen Frauen stimmten in den Gesang mit ein. Der Gesang wurde lauter und rhythmischer und in dem Moment, in dem das Wasser kochte, hörte er den Schrei eines Neugeborenen. Er drehte sich um und sah, wie die Frauen ein kleines Mädchen hochhielten, die Nabelschnur durchtrennten und das Neugeborene der Mutter in den Arm legten. Dann traten die Frauen zurück.

Er stürzte ans Bett und schaute seine kleine Tochter das erste Mal an. Sie war wunderschön. Sie hatte einen blonden Haarflaum auf dem Kopf und ein niedliches Stupsnäschen. Winzige Finger, winzige Zehen, eine rosige Haut – er weinte und küsste seine Frau. Der innige Moment blieb ungestört, doch dann zogen die Frauen ihn auf die Seite und begannen, die Frau zu waschen und ihre Haare neu zu flechten, ihr einen starken Tee zu brauchen und auch er bekam einen Tee, wie er noch keinen je gekostet hatte. In kürzester Zeit hatten die Frauen das blutige Stroh entfernt, die Hütte sauber gemacht, die Frau frisch angekleidet, das Kind gebadet, der Mutter angelegt und in die Wiege getragen. Dann standen die Frauen um die Wiege und sangen für das Neugeborene. Die älteste der Frauen hob den Säugling noch einmal aus der Wiege und trug das Mädchen neun Mal um das Herdfeuer, während die Frauen sangen. Dann legten sie das Mädchen auf den Boden und hoben es hoch in die Luft, ehe sie das Kind wieder in die Wiege zurücktrugen. Eine der Frauen zeichnete einen blauen Mond auf die Stirn des Kindes. Die Frauen packten ihre Sachen zusammen, umarmten die Mutter, legten ein großes Bündel Kräuter auf den Tisch und sagten: „Das muss die Frau jeden Tag trinken, dann wird alles rasch verheilen und sie hat genug Milch für das Kind. Und du sieh zu, dass du ihr zur Hand gehst. Sie darf auf keinen Fall schwer heben in den nächsten Wochen. Wenn du nicht zurechtkommst, rufst du uns, du kennst den Weg.“ Die Frauen hoben die Hände. Mit dem erneuten infernalischen Dröhnen des Windes, dem Klappern der Schindeln und dem heftigen Flackern des Herdfeuers waren alle mit einem Schlag verschwunden. Von ihrer Anwesenheit zeugte nur das Kräuterbüschel und zu seinem größten Erstaunen ein Kessel voller Suppe, der gerade das Duften anfing.

5 Gedanken zu „# 7“

  1. Liebe Christine,
    Geburt. Ankommen in dieser Welt. Empfangen werden von Leuten des kleinen Volkes. Ein grosses Geschenk für Kind, Mutter und Vater. . . und für uns Leserinnen. Heute kommentiere ich nicht. Heute erzähle ich.

    Mich beschäftigt schreibend gegenwärtig das Weggehen aus dieser Welt. Marga, die Protagonistin aus meinem Schreibprojekt, hat sich lange vorbereitet – nun ist sie über die Schwelle gegangen, begleitet von ihrer Pflegerin Veronika. So liest sich die am heutige Februar tag gültige Fassung des Textes, der noch viele Metamorphosen vor sich hat. „Schreiben heisst sich selber lesen“. So lautet der Titel des Kapitels. Der Text bewegt sich in einem existenziellen Raum wie die Geschichten 6 und 7. Ich erzähle.

    „Nach dem späten Frühstück am Sonntagmorgen sass Veronika am Schreibtisch im kleinen Büroraum unter dem Dach. Sie öffnete den Mac. Sie steckte den Stick seitlich ein, dann tippte auf ON. Der hellblaue mit dunkelblauen Blattranken verzierte Bildschirm leuchtete auf. Gleich darauf erschien rechts oben STORE N GO. Veronika tippte darauf. Vermächtnis stand da. Darunter dem Alphabet nach aufgelistet, wahrscheinlich Titel. Noch verstand Veronika nicht, was sie vor sich hatte. Sie überflog einige Texte. Margas Tagbuchblätter. Tagebücher liefen meist von gestern über heute nach morgen? Chronologisch. Veronika war nicht besonders geübt im Gebrauch des Computers, aber sie wusste, dass man Verzeichnisse ohne grossen Aufwand zeitlich ordnen konnte. Nach mehreren Anläufen schaffte sie’s. Die Texte reihten sich jetzt in aufsteigender Folge. Was hatte die vor zwei Wochen Verstorbene in ihren letzten Erdentagen geschrieben? Veronika tippte auf Margas letzten Text. Er begann mit einem Lieblingszitat Marias; es stamme aus den Tagebüchern von Max Frisch. „Schreiben heisst sich selber lesen.“

    Liebe Veronika,
    Ich fühle es. Der Tod ist nahe Wenn du meinen elektronisch hinterlassenen Brief liest, werde ich die erste Strecke des neuen, noch unvertrauten Wegs zurückgelegt haben. Ich stelle mir vor, dass ich mich nach vierundachtzig Erdenjahren jenseits der Schwelle langsam fortbewege. Wahrscheinlich Treppen steigend. Ich wünsche mir Treppen mit Handläufen. Noch mehr wünsche ich mir, dass im Himmel ein Mac für mich bereit steht Es fiele mir schwer im Jenseits auf das lieb gewordene irdische Arbeitsmittel zu verzichten.
    Mein Herz hing und hängt am Schreiben. Täglich schrieb ich Laufe meines langen Lebens. Tagebücher, Briefe, Texte für Kinder, Theologisches, Philosophisches , Kurzgeschichten, Zeitungsartikel, Romanfragmente, dazu unzählige Berichte und Protokolle.
    Die Lust am Publizieren nahm in den letzten Jahren ab. Schreib- und Leselust blieben. Dafür bin ich dankbar – schreiben und lesen verkürzen die Zeit. Sie lassen einen Schmerzen vergessen, erlauben, dunkle Erinnerungen ruhen zu lassen.
    In deine Hände, liebe Veronika, lege ich meine „literarische Hinterlassenschaft“. Nicht weil sie publiziert werden soll. Im dichten Blätterwald unserer Gegenwart würde sie stehen wie eine Einbeeren Stängel nach dem ersten Schnee. Mich freut aber, wenn du den einen oder andern Text anschaust. Du kommst oft vor in meinem Schreiben, warst für mich im Heim eine wichtige Bezugsperson. Dein Verständnis und dein Mitgefühl in den letzten Monaten und Wochen ermutigen mich, dir meine ‚Spätlese’ anzuvertrauen. Schreiben bedeutete für mich stets Lebensbewältigung. Wir haben darüber schwesterliche Gespräche geführt.
    Leben im Altersheim ist für alle neu und schwierig. Die einzelnen reden selten darüber. Mit wem auch? Viele Bewohnerinnen weichen der Gegenwart aus. Zukunftspläne gibt es nicht mehr. Wir beschäftigen uns vorwiegend mit der Vergangenheit. Ich bin keine Ausnahme. Je länger ich dran bin, desto dankbarer blicke ich zurück. Schreibend erlebe ich nochmals meine Kindheit, die Jugend, das Erwachsenenalter. Viel Schwieriges gab es, Unverständliches, aber auch Zuversicht und Schaffensfreude.
    Vor dem Mac sitzend und tippend erschaffte ich eine farbige Gegenwelt zum eher grauen Alltag im Heim. Worte vergegenwärtigen. Ich sitze vor dem Mac und fühle gleichzeitig den Barfuss – Gang der Sechsjährigen durch den Garten nach dem sommerlichen Gewitterregen; ich rieche und schmecke Rosies Kräutertee mit Honig bei der Jause auf dem Kartoffelacker. Der Duft des Flieders im Mai hüllt mich ein. Ich höre zu, wie das Rotkehlchen mit den eben ausgeschlüpften Vogelkindern spricht. Ich sehe die Stockhornkette bei Sonnenuntergang. Beglückt beteilige ich mich als Jugendliche in Gy an der Weinlese: ich schneide Trauben, bringe den vollen Kessel zum Fass. Zwei Tage später schnuppere ich den einzigartigen Gärgeruch. Fremd. Geheimnisvoll, der Prozess des Wein –Werdens. Schreiben weckt Erinnerungen. Hält sie fest. Konserviert sie. Aufbewahrt werden sie heute auf kleinstem Raum: mein USB Stick misst 14 mal 32 Millimeter.
    Liebe Veronika, ich weiss, dass du Sorge trägst zu meinem Vermächtnis. Von der Existenz des Sticks weiss ausser dir nur Jeremy. Mein Wahlenkel kennt manchen der gespeicherten Texte aus unserem fast täglichen Schreiben während der letzten drei Jahre. Die Anhänge, die du auf dem Stick findest, druckte Jeremy stets aus. Ein ansehnlicher Stapel sei daraus geworden, schrieb er kürzlich. Ich nehme an, dass Jremey sich nach meinem Tod mit dir in Verbindung setzt. Nimm dir bitte Zeit für ihn. Beantworte seine Fragen. Wir standen uns nahe: der junge Jesuit und ich, die alte Reformierte.

    Veronika legte den Stick in die zur Schale geformte linke Hand. Sein reales Gewicht war gering, aber er wog schwer. Wer bin ich? dachte sie. Eine Pflegefachfrau. Zweifellos ziemlich tüchtig. Marga mochte mich. Von mir nahm die an Selbständigkeit Gewohnte Unterstützung an. Was soll aus dem Vermächtnis werden? Verdiene ich Margas Vertrauen? Bin ich dieser Hinterlassenschaft gewachsen? Geerbtes Geld gibt man aus oder bringt es zur Bank . . . Ein geerbtes Haus könnte ich bewohnen, vermieten, verkaufen. Was tue ich mit gesammelten Texten auf einem USB – Stick?
    Veronika seufzte. Nochmals tauchte Margas Sterbezimmer auf, der nach der Todesnacht in mittägliches Licht getauchte Raum. In der Mitte stand auf Trägern der helle Tannenholzsarg, innen ausgeschlagen mit weisser Seide. Im Sarg die Verstorbene. Gekleidet ins von Hand genähte Totenhemd. Viele Säume. Lange Nähte. Monate hatte Marga zugebracht mit der Gobelin – Stickerei des Göllers. Sie hatte Seidenfäden in verschiedenen Weisstönen verwendet. Der Seidengrund verwandelte sich nach und nach in eine Blumenwiese. Die Verstorbene hatte sich weisse Rosen auf der Sargdecke gewünscht. Sie kannte den Brauch: Mitbewohnerinnen und Pflegende brachten während der drei Aufbahrungstage Blumen und Zweige. Efeuranken lagen dann auf der Decke neben welkenden filigranen rotvioletten Storcheschnabelblättern. Auch ein paar aparte Steinchen gab es. Gangnachbarinnen – und Nachbarn wussten, wie oft Marga sich auf Spaziergängen gebückt hatte, um Steine, Schneckenhäuser, Vogelfedern, Herbstblätter aufzulesen und sie denen zu schenken, die nicht mehr nach draussen gehen konnten.
    Am dritten Tag nach Margas Tod war die Decke aus Erinnerungsgaben nicht mehr schön anzusehen. Eine Bewohnerin legte kurz vor der Abschiedsfeier einen grossen Strauss frisch geschnittener weisser Rosen über die jetzt welken Zweige, Kräuter und Blumen.

    Veronika fuhr mit dem Handrücken über die Augen. Dann blickte sie hoch. „Mach’s gut“ flüsterte sie.

    Agnes

  2. Vielen Dank für eure wunderschönen Texte! Geburt und Tod, der ewige Kreislauf des Lebens… Das sind große Themen …und eure Geschichten berühren mich sehr. Ich bin gerade auf dem Weg zur Schule, um mit den Kindern zu Kochen und mit ihnen zu besprechen, was unserem Körper gut tut, wie “gemeinsam Essen Leib und Seele zusammenhalten kann”. Und weil ich noch ein paar Minuten Zeit hatte dachte ich, ich schau mal “kurz”, ob es etwas Neues gibt bei den Schwestern … :-)) mit “kurz” ist es natürlich wieder mal nicht getan- eure Texte werde ich mir heute Abend noch ein zweites Mal in Ruhe durchlesen und mich dann auf Fortsetzungen freuen!!! Und Agnes, ich hoffe sehr darauf, dass auch ihre Geschichte weiter erzählt wird!!! Herzliche Grüße, Andrea

  3. Liebe Christine,

    eben las ich nochmals die siebente Geschichte, obwohl sich eben eine neunte angekündigt hat. Ich kehre also nochmals zurück auf Feld 7. Die von Ihnen mit Worten gemalten Bilder: die Geburt des Kindes, die Weisheit seiner beiden Eltern und die Mitwirkung der Wesen aus der andern Welt begleiten mich.

    Wie schön, dass die kleinen Leute mit altem Wissen, Hilfsbereitschaft, Rat und Tat der Gebärenden beistehen. Ich schliesse die Augen und schaue, wie die Helfenden mit dem Neugeborenen neunmal ums Feuer gehen. Ich öffne die Augen und sehe das Kräuterbüschel. Ich schnuppere und rieche Suppe! Ich flüstere: So sei es!

    Ich kehre zurück, erinnere mich an ein Märchen aus Grindelwald. Im Bergdorf unter dem Eiger erzählt man sich, dass Abgesandte des kleinen Volks nachts zu einer armen Witfrau kommen mit der Bitte, sie möge als Geburtshelferin mit ihnen in die Höhlen unter dem Berg kommen und der Königin beistehen. „Ich bin nicht Hebamme“, sagt sie erst, aber die verzweifelten Gesichter der Boten und deren erneutes Bitten stimmen sie um. Sie packt einen Korb mit allem, was nötig ist, und kriecht durch die Höhlengänge. Im Innern des Bergs ist das kleine Volk versammelt. Alle schauen aufs Lager der Königin. Die alte Frau beruhigt die Königin, redet ihr zu, drückt ihre Hand, tut alles, was nötig ist. Das Kindchen (das Märchen sagt nicht, ob es sich um einen Jungen oder um ein Mädchen handelt) kommt zur Welt. Die Hebamme verabschiedet sich.
    Die Zwerge füllen den jetzt leeren Korb mit Kohle. Die Frau achtet nicht darauf. Dahiem in ihrer armseligen Hütte stellt sie den Korb hin und geht schlafen. Am nächsten Morgen tritt sie in eine lichtdurchflutete Küche. Die Kohle ist zu Gold geworden. Die Mühlebachfrau kann das Dach ihres Hauses neu beschindeln lassen.
    Sie möchte sich bei den kleinen Leuten bedanken und hofft, dass sie bald wieder zu einer Geburt gerufen wird. Das geschieht aber nicht, weil die Königin der kleinen Leute nur alle hundert Jahre einen Jungen oder ein Mädchen zur Welt bringt.
    Agnes

  4. Liebe Agnes,
    während Sie mailten, schrieb ich gerade die 11 in Vorfreude.
    Was für eine wunderbare Geschichte haben Sie uns vorgestellt. Für unsere Herzen ist das eine herrliche Nahrung.
    Ein sonniger Herzensgruß
    Christine

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